Ocean Technology Campus Rostock

Ein Zukunftscluster zieht Kreise: 50Hertz kommt nach Rostock

Ein neuer Standort, über 120 Arbeitsplätze und Investitionen in Millionenhöhe: Die Ansiedlung von 50Hertz in Rostock ist mehr als ein unternehmerischer Schritt. Sie zeigt, wie der Zukunftscluster Ocean Technology Campus Rostock Innovation beschleunigt, Netzwerke stärkt – und Strahlkraft entwickelt.

Werftbecken
© Manfred H. Vogel

Die Ansiedlung von 50Hertz in Rostock ist zunächst eine klassische Standortentscheidung: ein neues Gebäude, rund 120 Arbeitsplätze und Investitionen in Millionenhöhe. Dahinter steckt allerdings mehr. 50Hertz ist Partner im Zukunftscluster Ocean Technology Campus Rostock, der gezielt auf Vernetzung und langfristige Zusammenarbeit von Wirtschaft und Wissenschaft setzt. Genau das fördert das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) mit der Zukunftscluster-Initiative. Die Ansiedlung von 50Hertz zeigt, der Ansatz zahlt sich aus mit konkreten wirtschaftlichen und strukturellen Effekten.

50Hertz betreibt das Stromübertragungsnetz im Norden und Osten Deutschlands. Das heißt, das Unternehmen sorgt dafür, dass der Strom von der Offshoreanlage in der Ostsee über ein überregionales Hochspannungsnetz zum Beispiel nach Berlin gelangt. Dafür sind Unterwasserkabel nötig. Kabel, die bei zukünftigen nicht fest verankerten Windkraftanlagen teilweise frei im Wasser schwingen. Sie sind ständig in Bewegung und der Strömung ausgesetzt, so dass irgendwann Schäden entstehen. 50Hertz erforscht im Zukunftscluster Ocean Technology Campus Rostock zusammen mit anderen Partnern, wie sich solche Schäden schnell erkennen – und in einem nächsten Schritt auch beheben lassen. Dazu gibt es Teststände, Simulationen und eine systematische Auswertung von Daten. Die Kooperation läuft interdisziplinär. Mitarbeitende aus Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickeln gemeinsam Lösungen. Die These, der die Forschenden nachgehen, ist, dass der Bleimantel im Kabel brüchig wird. Das Blei ist nötig, damit das Kabel wasserdicht ist. Die Forschung soll klären, warum die Kabel überhaupt kaputt gehen und voraussagen, wann das passiert. Dann könnte ein Unternehmen den Austausch oder eine Reparatur frühzeitig planen. 50Hertz alleine hätte weder die Kapazitäten, noch die Erfahrung oder Zeit für diese Forschungsarbeit. Umgekehrt hätten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an der Universität Rostock ohne das Unternehmen keine Proben von defekten Kabeln oder Datensätze über Schäden.

Zusammenarbeit als Standortfaktor

Diese Zusammenarbeit hat den Standort Rostock für 50Hertz zunehmend interessant gemacht. Das Unternehmen hat gesehen, welches Potenzial in der Region liegt. Hier existiert eine wachsende Forschungslandschaft, es gibt spezialisierte Unternehmen – darunter dynamische Start-ups – und ein starkes Netzwerk. Der Ocean Technology Campus Rostock wirkte dabei wie ein Katalysator. Prozesse, die sonst aufwendig und fragmentiert verlaufen, konnten gebündelt und beschleunigt werden. Das ist ganz konkret bei der Suche nach einem Standort auch deutlich geworden: Kontakte zu Verwaltung, Wirtschaft und Wissenschaft entstanden nicht zufällig, sondern systematisch über den Zukunftscluster.

Porträt von Dr. Henrich Quick
Professor Uwe Freiherr von Lukas © Fraunhofer IGD

So entwickelte sich aus einer zunächst offenen Standortsuche Schritt für Schritt eine klare Entscheidung. Mit Blick auf die Firmenzentrale in Berlin, wirke Rostock für manchen erstmal weit weg, erklärt Dr. Henrich Quick. Der promovierte Physiker ist Leiter Offshore bei 50Hertz. „Die Entscheidung des BMFTR den Zukunftscluster weiter zu fördern, hat deutlich gemacht, dass hier gerade viel passiert.“ Quick verweist auf Synergien mit benachbarten Firmen und der Forschungslandschaft. Tatsächlich war aber auch die Personalfrage ein entscheidendes Argument für den Standort Rostock. Denn durch die Universität Rostock gibt es in der Region genügend Menschen aus MINT-Studiengängen. Das hilft, Ingenieursstellen zu besetzten. „Bei Elektrotechnikern sind wir eine Marke, da haben wir Top-Bewerbungen“ berichtet Quick, „Aber unter den mechanischen Bauingenieuren, da kannte keiner 50Hertz. Dabei brauchen wir die genauso.“ Durch den Lehrstuhl Schiffsmechanik hat sich das inzwischen verändert. Der internationale Masterstudiengang „Sustainable Maritime Engineering“ (nachhaltige Meerestechnik) ist gemeinsam mit dem Zukunftscluster entwickelt worden, sagt der Sprecher des Zukunftsclusters Ocean Technology Campus, Professor Uwe Freiherr von Lukas. Der Informatiker erläutert, dass man in diesem Studiengang Praxisanteile integriert habe, um den Bedürfnissen der Unternehmen aus dem Zukunftscluster entgegenzukommen. Das macht den Studienstandort interessant und bietet im Sinne der Personalgewinnung auch für die eingebundenen Unternehmen einen Mehrwert. Inzwischen gibt es durch den Ocean Technology Campus Rostock für Studienabsolventinnen und -absolventen die Möglichkeit, vor Ort einen Job zu finden, erklärt von Lukas: „Wir haben attraktive Arbeitsplätze sowohl bei Deep-Tech Start-ups, was den einen oder anderen reizt, aber auch sichere Arbeitsplätze bei einem sehr bekannten großen Arbeitgeber wie 50Hertz.“

50Hertz hat schon bewiesen, was andere versprechen

Dr. Henrich Quick © Jan Pauls

Als die Entscheidung für Rostock gefallen war, konnte der Zukunftscluster, wie Quick es formuliert, „als Wahnsinns-Multiplikator“ wirken. Bei Abstimmungen mit dem Hafenamt, der Bürgermeisterin oder anderen Behörden war der Ocean Technology Campus Rostock überall bekannt und öffnete im wahrsten Sinne des Wortes Türen. „Das hat im Haus die Entscheidung leicht gemacht“, unterstreicht Quick und schwärmt von der 1A-Immobilie mit S-Bahnanschluss und Strand vor der Tür. Nebenan siedele sich ein Offshore-Windpark an, um die Ecke sitze einer Werft, mit der eine Zusammenarbeit denkbar sei. Ohne das Engagement im Zukunftscluster hätte sein Unternehmen nicht den Zuschlag für das Erbpachtgrundstück bekommen, ist sich Quick sicher: „Wir sind hier wirklich vor Ort, langfristig interessiert und investieren in die Zukunft. Das sind genau die Aussagen, die jeder bei einer Bewerbung für eine Immobilienausschreibungen trifft. Bei uns sind sie viel glaubhafter, weil wir das schon bewiesen haben.“

50Hertz plant jetzt einen Standort mit 120 Arbeitsplätzen, mit Perspektive auf weiteres Wachstum. Mit dieser Entscheidung legt sich das Unternehmen weit über die Förderdauer des Zukunftscluster hinaus fest. Auch für neue gemeinsame Projekte gibt es schon Ideen: Wenn einmal verstanden ist, wieso die Unterwasserkabel kaputt gehen, will das Unternehmen nach einer Alternative für das Blei im Kabel suchen. Bislang gibt es noch kein anderes Material, das die Anforderungen erfüllen würde. Hier sieht Quick großes Potenzial auch im Teststand und der Simulationssoftware. Denn langfristig soll das Schwermetall nicht mehr in den Meeresboden gelangen. Das ist schon jetzt nur mit Ausnahmegenehmigung erlaubt, weil es eben keine Alternative gibt.

Sogwirkung auf andere Unternehmen

In der Region macht sich das Engagement von 50Hertz schon jetzt bemerkbar. Nicht nur durch die Container die bereits auf einem Interimsgelände stehen. Dass von hier aus Anlagenteile im Milliardenbereich in der Ostsee betreut werden, zieht Zulieferer an und schafft Impulse für die lokale Wirtschaft. Von Lukas nimmt auch international eine Sogwirkung wahr. Er berichtet von Gesprächen mit einer kanadischen Firma, die nach einem Standort in Kontinentaleuropa suche. Zur Wahl stünden La Spezia in Italien und Rostock. „Das ist natürlich schon sehr schön, wenn man weiß, dass man international auf der Landkarte gesehen wird“, sagt er und fügt hinzu: „Nur Technologie alleine ist nicht unbedingt attraktiv, es ist wirklich diese Kombination aus Unterstützung und Vernetzung. Geld für Förderprojekte gibt es woanders auch. Wir können in der Zukunftscluster-Initiative auch Start-ups unterstützen, Kommunikation und Innovationsprozesse besser strukturieren und unterstützen. Das ist aus Sicht er Unternehmen wirklich sehr wertvoll.“

Container als Zwischenlösung
© Manfred H. Vogel

Der Zukunftscluster Ocean Technology Campus Rostock pflegt einen engen Kontakt zur Stadt Rostock. Die Wirtschaftsförderung der Stadt ist Partner im Zukunftscluster. Bei beiden werde die Entwicklung sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen, sagt von Lukas. Denn natürlich stehen hinter der Ansiedlung eines großen Unternehmens Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Auch mit dem Land Mecklenburg-Vorpommern gibt es einen engen Austausch und es ist gelungen, zusätzliche Fördermittel einzuwerben und so das Clustermanagement zu finanzieren. „Hier haben unsere Aktivitäten vielleicht auch noch einmal eine andere Strahlkraft als in NRW oder Hessen“, glaubt der Clustersprecher, „einfach, weil wir hier viel dünner besetzt sind.“ Insgesamt habe die BMFTR-Förderung einen sehr soliden Grundstein gelegt, von dem aus der Cluster auch darüber hinaus weiter wachse. „Wir sind jetzt in der zweiten Förderphase und merken, dass die Strukturen Früchte bringen“, ergänzt Quick, „Wirkliche Effekte brauchen die Zeit.“ Und dann nennt von Lukas einen Effekt, der nicht einmal beabsichtigt war: Am Marketinglehrstuhl der Uni Rostock wird gerade untersucht, wie KI bei Gründungen der Blue Economy helfen kann. Ohne den Zukunftscluster gebe es in Rostock gar nicht genügend Start-ups, um solche Daten zu liefern. Die Start-ups sind auch für 50Hertz ein weiteres Argument für den Standort Rostock. Quick lobt die Innovationskraft gerade aus der Perspektive eines langfristigen – und darum manchmal etwas weniger agilen Großunternehmens.

Die Mitarbeitenden von 50Hertz brauchen keine weiteren Argumente, bei ihnen scheint die Entscheidung für den Standort Rostock schon jetzt gut anzukommen. Obwohl es wahrscheinlich noch rund zwei Jahre dauern wird, bis das Gebäude bezugsfertig ist, arbeiten bereits 70 Personen in Rostock. Die Container, die das Unternehmen aufgebaut hat, und der Standort wurden sehr gut angenommen. „Das zeigt, wie attraktiv der Standort Rostock tatsächlich ist. Das ist eine Erfolgsgeschichte.“