Cluster in der Corona-Pandemie – Was macht die regionalen Innovationsnetzwerke in Krisenzeiten so stark?

Wenn unterschiedliche Akteure in einer Region eng zusammenarbeiten, dann können daraus schlagkräftige Innovationsnetzwerke erwachsen, die neue Produkte sowie Dienstleistungen schneller in den Markt bringen. Fallen räumliche und thematische Nähe mit wirtschaftlich starken Wertschöpfungsketten und einer insgesamt außergewöhnlichen Kompetenz in einem Wissensgebiet zusammen, bilden die Akteure dieser Region ein Cluster. Cluster sind also regionale Innovationsnetzwerke mit nationaler und internationaler Wettbewerbsfähigkeit und daher in vielen Fällen besonders zukunftssicher. Die Wissenschaft beschreibt das als Fähigkeit zur Resilienz, also eine besondere Widerstandsfähigkeit gegen (zumeist) negative innere und äußere Einflüsse. In der aktuellen Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 zeigen diverse Cluster, wie sie Deutschlands Innovationskraft auch in der Krise stützen können.

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Cluster spielen eine wichtige Rolle für das deutsche Innovationssystem, weil sie zahlreiche Akteure aus Wissenschaft, Wirtschaft und auch Gesellschaft bündeln und deren Kompetenzen bestmöglich kombinieren. Weitere wichtige Voraussetzungen sind die Verknüpfungen der Akteure – sei es als Vertragspartner, Zulieferer oder Konkurrent, über Multiplikatoren wie Forschungseinrichtungen „vor Ort“ oder ein bedarfsorientiertes Ausbildungs- und Qualifizierungsangebot, z. B. an den Hochschulen. Gegenseitiges Vertrauen und weitgehende Kenntnisse über die Potenziale sowie Kompetenzen der anderen Akteure bilden die ideale Grundlage für eine Zusammenarbeit. Das beschleunigt die einzelnen Innovationsprozesse und fördert den gesamten Wissens- und Technologietransfer. So kommen die Erkenntnisse schneller dort an, wo sie benötigt werden: bei den Menschen und in den Unternehmen der Region.

Besondere Herausforderungen, wie die Corona-Pandemie, zeigen weitere Vorteile von regional verankerten Innovationsnetzwerken in Krisenzeiten: Cluster sind in der Lage, kurzfristig Unterstützung und Hilfe insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen zu organisieren. Sie schaffen beispielsweise zentrale Anlaufstellen für Unternehmensfragen aus der Region, starten Aufrufe zur Zusammenarbeit und koordinieren diese Aktivitäten. Sie managen Krisen, indem sie auf bewährte Strukturen und Informationswege zurückgreifen, aber auch neue Kräfte mobilisieren. Ist einmal eine tragfähige Basis vorhanden, profitieren die Cluster-Akteure von der Stabilität und Erfahrung ihrer Netzwerkorganisationen, die sie langfristig widerstandfähiger gegen Krisen machen.

Gegenwärtig spiegelt sich das Krisenmanagement von Clustern in vielfältigen Unterstützungsangeboten wider: In Norddeutschland bereitet das zum Spitzencluster Hamburg Aviation gehörende Zentrum für Angewandte Luftfahrtforschung (ZAL) seine Akteure z. B. über Podcasts auf den Wandel nach der Corona-Pandemie vor. Mit einem verbesserten Informationsfluss wird versucht, die Wettbewerbsfähigkeit des Luftfahrtstandortes zu erhalten, wenn nicht gar zu erhöhen. Der Spitzencluster Elektromobilität Süd-West, in einer der international herausragenden Regionen für Elektromobilität rund um Stuttgart, nutzt seine interdisziplinäre Vernetzung mit Unternehmen der Medizintechnik wiederum, um eigene Ressourcen und freie Produktionskapazitäten für dringend benötigte Medizinprodukte zu mobilisieren.

Im besonderen Fokus stehen derzeit die Cluster aus dem Bereich der Life Sciences, die an Impfstoffen oder Antikörper-Tests gegen das Coronavirus SARS Covid-19 arbeiten, insbesondere die Regionen um München und Heidelberg. Beide Life-Sciences-Regionen verfügen über eine weltweit herausragende Expertise auf dem Gebiet der individualisierten Medizin. Sie wurden durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) bereits 1997 im Zuge der BioRegio-Initiative gefördert und schafften es aufgrund ihrer weiter gestiegenen Leistungsfähigkeit 2007 schließlich unter die 15 ausgewählten Gewinner im Spitzencluster-Wettbewerb, dessen Förderung 2017 auslief. Noch heute zählen alle Spitzencluster zu den international erfolgreichen Innovationsregionen und begegnen den Herausforderungen der Corona-Pandemie mit gebündelten Aktivitäten.

Auch die 2019 ausgerufene Zukunftscluster-Initiative unter dem Motto „Clusters4Future“ baut auf regionalen Zukunftsperspektiven sowie gebündelter Widerstandsfähigkeit gegenüber äußeren Einflüssen. Im Gegensatz zu bestehenden Clusterfördermaßnahmen zielt sie jedoch insbesondere auf junge, potenziell disruptive Ergebnisse der Spitzenforschung, die unter den vorteilhaften Bedingungen von regionalen Spitzenstandorten frühzeitig über die Schwelle zur Anwendung gehoben werden. Die Vernetzung von Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft soll dabei nicht nur neue Wertschöpfungsketten und -netze hervorbringen, die Innovationen liefern. Gefragt sind mutigere Wege im Wissens- und Technologietransfer, die Experimentierraum für ungewöhnliche Ideen und Anwendungsmöglichkeiten schaffen und einen flexiblen Austausch ermöglichen. Auf diese Weise werden neue leistungsfähige Plattformen sowie optimale Voraussetzungen für Unternehmensgründungen geschaffen und interdisziplinäre Kooperationen initiiert. So entstehen am Ende selbstbewusste Regionen, die nahezu jeder Krise gewachsen sind.