SaxoCell

Nach erfolgreichem Heilversuch wieder im Boxring

Eine CAR-T-Zelltherapie hat Markus König neue Lebensqualität ermöglicht. Sein Fall zeigt zugleich, wie im Zukunftscluster SaxoCell Erfahrungen aus der Klinik neue Forschungsfragen anstoßen und den Weg für weitere klinische Studien bereiten.

Mehrbettzimmer im Krankenhaus
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Heute kann Markus König wieder boxen. Daran war vor zweieinhalb Jahren nicht zu denken. König litt an einer seltenen Immunerkrankung: Bei der refraktären primären Immunthrombozytopenie (ITP) bildet der menschliche Körper Antikörper, die sich gegen die körpereigenen Thrombozyten (Blutplättchen) richten. Das führt zu einem deutlichen Mangel an Thrombozyten, wodurch die Blutgerinnung stark beeinträchtigt ist. Auch kleine Verletzungen sind damit gefährlich.

Die Erkrankung wurde 2016 festgestellt, als eine Knie-Operation anstand. Es folgten zahlreiche Therapien; keine wirkte langfristig. Im Dezember 2021 entfernten die Ärztinnen und Ärzte ihm die Milz. „Das hat vielleicht eine Woche geholfen“, erzählt König. Insgesamt spielt er seine Situation im Gespräch eher herunter. Er habe so Blutbläschen im Mund gehabt, sagt er, und halt aufpassen müssen, sich nicht zu verletzten. Wie groß der Leidensdruck war, wird deutlich als seine behandelnde Ärztin Dr. Karolin Trautmann-Grill erzählt, dass er zuletzt nicht nur zwölf verschiedene Medikamente täglich nahm, sondern er auch einmal im Monat stationär im Krankenhaus aufgenommen werden musste. Für zusätzliche ambulante Behandlungen sei er zeitweise fast täglich in der Ambulanz gewesen. Geholfen haben dann nur noch hohe Dosen Kortison. König konnte nicht mehr arbeiten – an Boxen war erst recht nicht zu denken.

 

Gruppenfoto Team und Patient
1.v.l  Karolin Trautmann-Grill, 4.v. l. Martin Bornhäuser, 5.v.l. Dimitrios Mougiakakos, 6.v.l. Markus König © Pressestelle Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden

Trautmann-Grill arbeitet am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus in Dresden als Oberärztin für Hämatologie, Onkologie und Hämostaseologie. Ihr Chef, Professor Martin Bornhäuser, ist Geschäftsführender Direktor des Nationalen Centrums für Tumorerkrankungen am Klinikum und zugleich Sprecher des Zukunftsclusters SaxoCell. Als er von Königs Fall hört, entsteht die Idee, einen individuellen Heilversuch mit CAR-T-Zellen zu wagen. Der Zukunftscluster hat es sich zum Ziel gesetzt, neuartige „lebende Arzneimittel“ zu entwickeln. Für Bornhäuser liegt die Funktion von SaxoCell als Zukunftscluster darin, die Entwicklung neuer Produkte und ihre klinische Anwendung miteinander zu verbinden. Neue Produkte schneller in die Anwendung zu bringen, ist das erklärte Ziel der Zukunftscluster-Initiative in deren Rahmen das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) auch SaxoCell fördert. Bornhäuser sah hier eine Chance, CAR-T-Zelltherapie außerhalb von Krebstherapien zu erproben, außerhalb eines langjährigen Zulassungsverfahrens und zum Wohl eines Patienten, bei dem Standardtherapien gescheitert waren; die Chance damit möglicherweise ein neues Anwendungsgebiet zu erschließen.

Letzte Chance: CAR-T-Zelltherapie

T-Zellen sind Teil des menschlichen Immunsystems und dafür zuständig, krankmachende Zellen zu bekämpfen. Bei der CAR-T-Zellen entnehmen Ärztinnen und Ärzte einem Patienten oder einer Patientin T-Zellen und verändern diese genetisch. Durch diese Veränderung können die CAR-T-Zellen dann spezifisch an Krebszellen andocken und diese wirksam bekämpfen. Bei manchen Blutkrebserkrankungen ist dieses Vorgehen inzwischen eine etablierte Option. „Für Autoimmunerkrankungen ist die Idee noch relativ neu. Aber es gab Hinweise“, erzählt Bornhäuser.

Kolleginnen und Kollegen am Universitätsklinikum in Erlangen hatten als eine der Ersten in Deutschland erfolgreich andere Autoimmunerkrankungen behandelt. Einer dieser Kollegen, Professor Dimitrios Mougiakakos, war inzwischen am Universitätsklinikum Magdeburg tätig und mit den Kollegen des Zukunftsclusters SaxoCell bekannt. „Wir haben uns ausgetauscht und sind auch über den Patienten König ins Gespräch gekommen. Daraus ist dann auch der Mut entstanden, dem Patienten einen individuellen Heilversuch vorzuschlagen“, sagt Bornhäuser. Ein individueller Heilversuch ist eine Behandlung, die von der Standardtherapie abweicht, bei der Medikamente (noch) nicht zugelassen sind oder ganz neue Verfahren zum Einsatz kommen, weil andere nicht mehr funktionieren. So war es bei König: „Zu dem Zeitpunkt haben alle anderen Medikamente schon nicht mehr gewirkt. Ich hatte sozusagen nichts mehr zu verlieren.“ Trautmann-Grill bekräftigt das: „Man musste Sie nicht überreden; aber Sie waren auch mutig. Sie haben starke Nerven, was das angeht.“ Die Kosten der Behandlung haben die beteiligten Kliniken und Unternehmen getragen.

symbolische Darstellung von CAR-T-Zellen
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Für König startet die Behandlung im Sommer 2024. Bei einer Blutwäsche am Universitätsklinikum in Dresden wurden König Lymphozyten entnommen. Das ging ambulant. Die Lymphozyten wurden im Labor genetisch so verändert, dass die CAR-T-Zellen im Körper gezielt zum Einsatz kommen können: Sie zerstören direkt die Zellen, die die Antikörper produzieren, die sich gegen die körpereigenen Thrombozyten richten und krank machen. Durch die Behandlung soll sich die Anzahl der Thrombozyten mit der Zeit auf einem normalen Niveau einpendeln. Bevor König die CAR-T-Zellen in Form einer Infusion zurückbekam, haben die Ärztinnen und Ärzte am Universitätsklinikum Magdeburg ihn mit einer kurzen Chemotherapie behandelt, die das körpereigene Immunsystem vorübergehend herunterfährt, damit sich die neuen T-Zellen im Körper besser vermehren und ausbreiten können. Gut zwei Wochen war er insgesamt im Krankenhaus.

Die Therapie schlägt an

Trautmann-Grill gibt heute zu, selbst anfangs durchaus nervös gewesen zu sein. „Ich hatte Bedenken, was die Komplikationen angeht. Vor allem Infekte sind nach einer solchen Behandlung recht häufig – und zum Glück hier abgesehen von ein bisschen Fieber gar nicht aufgetreten.“ Für die Ärztin war der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im Zukunftscluster wichtig, die über zusätzliche Erfahrung mit CAR-T-Zelltherapie verfügten. Sie betont die Bedeutung des Teams aber auch darüber hinaus: „Man muss ein gutes Netzwerk haben, um von solchen Möglichkeiten überhaupt zu erfahren und sie den eigenen Patientinnen und Patienten anbieten zu können.“ Dass König so gut und vor allem mit so wenig Nebenwirkungen auf die Therapie angesprochen hat, wirft für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine neue Frage auf: Ist der Effekt von CAR-T-Zellen auf das Immunsystem bei einer Autoimmunerkrankung viel geringer ist als bei Patientinnen und Patienten mit Krebserkrankungen? Das muss jetzt weiter untersucht werden.

Hand hängt Infusionsbeutel ein
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Bei König zeigte die Behandlung schon nach recht kurzer Zeit Wirkung. Nur rund zwei Wochen nach der Infusion stieg die Zahl der Blutplättchen und erreichte schließlich ein normales Niveau. Heute braucht König keine zusätzlichen Medikamente. Statt täglicher Besuche in der Notaufnahme kommt er jetzt einmal je Quartal ganz regulär zur Kontrolle – bis heute ohne Auffälligkeiten. Der Fall wurde 2025 in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht. Bornhäuser hebt hervor, dass es sich trotzdem zunächst um einen einzelnen Heilversuch handelt. „Wir sprechen jetzt darüber, weil wir hier erfolgreich waren. Aber aus einem erfolgreichen Einzelfall lässt sich noch nicht ableiten, dass die Behandlung bei weiteren Patientinnen und Patienten ebenso wirksam und sicher ist.“ Um breitere und belastbarere Evidenz zu gewinnen, müsse der Ansatz in klinischen Studien weiter untersucht werden. Bis daraus eine zugelassene und regulär verfügbare Behandlungsmethode wird, vergehen etliche Jahre.

Was ein Patient für SaxoCell verändert hat

Für SaxoCell reicht die Bedeutung des Falls über Königs persönliche Geschichte hinaus. Die Beobachtungen haben neue Forschungsfragen angestoßen und Autoimmunerkrankungen stärker in den Fokus des Zukunftsclusters gerückt, berichtet Bornhäuser: Eine dieser Fragen betrifft die Dauer der Wirkung: Bisher ist man beispielsweise davon ausgegangen, dass genetisch veränderte Zellen im Körper nur so lange wirken, wie sie auch im Körper nachweisbar sind. Bei der Behandlung von Autoimmunerkrankungen hat sich dagegen gezeigt, dass die CAR-T-Zellen schon nach wenigen Monaten nicht mehr nachweisbar sind, aber ihre Wirkung anhält. Vor diesem Hintergrund untersuchen Partner im Zukunftscluster heute auch andere Zelltypen als CAR-T-Zellen: Natürliche Killerzellen, die nur begrenzte Zeit aktiv sind. Die Forschenden prüfen, ob sie genetisch verändert ebenfalls länger wirken.

Der nächste Schritt sind klinische Studien: Dass im Zukunftscluster verschiedene Partner organisiert sind, ist hier von Vorteil. So steht beispielsweise am Universitätsklinikum Dresden eine Abteilung bereit, die frühe Studien der Phase I durchführen kann. Hierbei geht es in der Regel darum, die Sicherheit und Verträglichkeit sowie die geeignete Dosierung einer neuen Therapie zu untersuchen. Auch das Universitätsklinikum Leipzig ist Partner von SaxoCell. „Damit haben wir die Perspektive, in Sachsen entwickelte Produkte gemeinsam mit den beteiligten regionalen Unternehmen auch vor Ort an den Kliniken zu testen“, erklärt Bornhäuser. Für die Autoimmunerkrankung ITP, unter der König litt, und andere hämatologische Autoimmunerkrankungen (also Blut betreffend) soll im Oktober 2026 eine Phase-I-Studie mit einem speziell dafür vorgesehenen CAR-T-Zellpräparat beginnen. Damit wird der Ansatz erstmals über den individuellen Heilversuch hinaus systematisch untersucht. Eine Patientin, die für die Studie infrage kommt, hat nach Angaben von Trautmann-Grill bereits mit König telefoniert und sich über seine Erfahrungen informiert.

Die Behandlung hat den Alltag von Markus König grundlegend verändert. Er muss keine ITP-Medikamente mehr einnehmen, geht wieder arbeiten und kann wieder Sport treiben – also boxen.